Losgelaufen im Jotunheimen – 5. und 6. Tag

5. Tag

Nicht viel los

Es windet und regnet den ganzen Tag. Zwischen 10 Uhr und 12 Uhr scheint zwar die Sonne, doch die Wettervorhersage sagt für die Zeit danach den ganzen Tag Regen an. Pünktlich um kurz nach 12 fängt es dann auch tatsächlich an zu regnen. Dabei vertilge ich meine letzten gute Laune Salametti. Dabei hätte ich sie am nächsten Tag noch gut gebrauchen können. Memo an mich. Beim nächsten mal viel mehr davon mitnehmen. Abends macht der Regen dann doch nochmal eine kurze Pause. Ich nutze die Zeit um mir meine Beine etwas zu vertreten. Es gibt wirklich schöneres als den ganzen Tag im Zelt zu sitzen. Von diesem Tag gibt es auch nur ein Foto.

Tag 5 und nicht viel los
Tag 5 und nicht viel los

 

Tag 6

Nicht viel los

Da ich gestern auf der faulen Haut lag nahm ich mir vor so gegen sechs Uhr aufzustehen. Meine Wetterapp sagte für den ganzen Tag schönes Wetter an, erst gegen Abend sollte es wieder etwas zuziehen und Regnen. Wach war ich dann sogar schon um fünf Uhr. Es war bitterkalt. Eine Stimme in mir sagte zu mir, dass ich verrückt bin wenn ich jetzt aufstehe und aus dem warmen und gemütlichen Schlafsack herauskrieche. Ich entscheide mich fürs verrückt sein. Das Frühstück ließ ich aber erstmal weg, das wollte ich später in der warmen Sonne genießen. So war dann erstmal zusammenpacken angesagt. Hatte ich schon erwähnt, dass es bitterkalt war? Immerhin wurden die Bergspitzen schon von der Sonne beschienen.

Es ist ziemlich kalt, aber die ersten Sonnenstrahlen verheißen schon etwas Wärme.
Es ist ziemlich kalt, aber die ersten Sonnenstrahlen verheißen schon etwas Wärme.

Doch bis die so richtig das Tal erreichten dauerte es noch eine ganze Weile. Alles verpackt ging es um kurz nach sechs Uhr in Richtung Spiterstulen. Auch heute war es irgendwie noch komisch auf einem asphaltierten Weg zu laufen. Da passt einfach irgendetwas nicht.

Ich lasse Spiterstulen hinter mir. Sozusagen das Basecamp des Galdhoppigen.
Ich lasse Spiterstulen hinter mir. Sozusagen das Basecamp des Galdhoppigen.

So ca. 20 Minuten später bin ich dann in Spiterstulen. Nur einige wenige Wanderer liefen hier um diese Uhrzeit schon herum. Voll muss es in den Hütten aber in jedem Fall gewesen sein. Zumindest waren die Parkplätze soweit ich das beurteilen konnte voll. Es war anhand der Kennzeichen interessant zu sehen, woher die Autos alle kamen. Der Großteil natürlich aus Norwegen, gefolgt von deutschen Kennzeichen. Sonst aus wirklich fast ganz Europa. Großbritannien, Dänemark, Polen, Österreich, Ungarn, Schweden. Der Galdhoppigen ist halt einfach ein Anziehungsmagnet. Was ich auch gut daran erkannte, dass ich auf meinem Weg nirgends so viele Zelte gesehen habe. Der Zeltplatz, oder vielmehr das Galdhoppigen Basecamp wie ich es selbst nannte, war gut gefüllt. Ich selbst lasse den Galdhoppigen aber wie auch schon den Glittertind aus.

Wer den richtigen Weg nimmt ist klar im Vorteil

In Spiterstulen an den Touristeninfoschildern stehend, sieht man den Weg der zum eigentlichen Wanderweg in Richtung Leirvassbu führt nicht sofort. Was man aber sieht, ist die Brücke die zum Basecamp führt und ein Weg der dahinter anschließt. Natürlich nehme ich diesen Weg.

Wasser hat es überall genug.
Wasser hat es überall genug.
Nicht mehr lange und die Sonne nimmt das Tal ein.
Nicht mehr lange und die Sonne nimmt das Tal ein.

Nach einigen Metern kommt mir allerdings der Gedanke, dass ich nicht so ganz richtig bin. Laut Wanderkarte die ich an meinem Ruhetag zur Genüge angesehen hatte, müsste der Visa rechts von mir fließen, jetzt fließt er aber links von mir. Also zurückgeschaut und da sehe ich den Ausgang oder Eingang, je nachdem wie man es sehen möchte, von Spiterstulen. An den Touristeninfoschildern hätte ich nach links gehen müssen und nicht nach rechts über die Brücke. Ich gehe jedoch erstmal weiter. der Visa wird immer wilder und von den Gletscherabflüssen kommt einiges an Wasser runter. Ich nutze die Zeit um zu fotografieren und in den Bächen von Stein zu Stein zu hüpfen.

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Die Sonne kommt immer mehr über die Bergspitzen hervor und es wird heller. Ich gehe zurück nach Spiterstulen. Mitlerweile herrscht hier auch schon reger Betrieb, die Zeltstadt zumindest ist in voller Bewegung. Ein paar sieht man auch schon den steilen Weg in Richtung Galdhoppigen erklimmen. Schon ein bisschen komisch nach ein paar Tagen geradezu absoluter Einsamkeit wieder so vielen Menschen zu begegnen.

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Wieder über die Brücke geht es diesmal zum richtigen Weg. Auf dem Weg schweift der Blick immer wieder zum Gletscher Svellnosbreen. Das sieht schon klasse aus. Der Weg ist hier noch recht angenehm zu gehen. Hin und wieder hat es zwar größere Wasserpfützen vom gestrigen Regen, jedoch alles halb so wild. Die Sonne hat es mitlerweile auch über die Gipfel geschafft. War es zuvor noch richtig frisch und ich gut eingepackt, muss ich nun Jacke und leichtes Fleece ablegen. Gefühlt stieg die Temperatur nun vom Gefrierpunkt auf 20 Grad plus an. So gegen neun Uhr entscheide ich mich an einem Bach mein Frühstück zu mir zu nehmen. Der Weg steigt danach mehr und mehr an.

Rudolph and Friends

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Zwei Brücken sind zu überqueren, wobei ich an der letzten irgendwie den Absatz zum Weg total übersehe da ich nach vorne und nicht nach unten schaue und einen ordentlichen Satz mache. Doch ich stehe noch. Es folgt ein nicht ganz einfach zu überquerender Gletscherabfluss. Einen Stein hatte ich etwas falsch eingeschätzt und wäre fast im Wasser gelandet, doch ich konnte gerade so noch mein Gleichgewicht halten.

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Auch häufen sich nun die Geröllsteine wieder mehr. Und wenn sich Geröllsteine häufen, ist was nicht fern? Genau! Altschneefelder. Meine Flucherei hält sich allerdings noch in Grenzen. Zum Glück wusste ich hier noch nicht was mich etwas später noch erwartete. Also stapfe ich über Geröll und durch Schnee den Weg weiter, der auch immer steiler wird. Zwischendrin geht der Blick immer wieder zurück. Die Aussicht ist auch heute wieder einfach beeindruckend.

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Gerade als ich durch so ein blödes Schneefeld laufe und konzentriert auf den Boden sehe nehme ich an meinem linken Blickfeld eine Bewegung wahr. Ich schaue in die Richtung der Bewegung. Rentiere! Schnell bleibe ich stehen und bewege mich nicht. Nur meine Kamera habe ich im Anschlag.  Rentiere flüchten im Normalfall einige Kilometer wenn Menschen zu nahe kommen und verbrennen so unnötig Energiereserven. Deshalb will ich sie möglichst nicht aufscheuchen. Die kleine Rentierherde scheint gemütlich unterwegs zu sein. Eines bleibt stehen und ich bin mir sicher, dass es mich sieht. Es sieht jedoch nicht so aus, als ob die Rentiere nun etwas in ihrem Verhalten ändern. Erst als sie weiter weg den Berg hoch sind gehe ich weiter. Erst jetzt merke ich, ich stehe ja noch in einem Schneefeld. Gerade noch gute Laune … Naja weiter gehts über das Altschneefeld, wenn auch nicht so elegant wie die Rentiere, die ja geradezu über den Schnee zu schweben scheinen.

Rudolph!
Rudolph!

Winter wonderland?

Es geht über Schnee steil hoch in Richtung Kyrkjeglupen, was mich mächtig ins schwitzen bringt. Fast ganz oben angekommen bleibe ich stehen und schaue zurück ins Visdalen um zu sehen wo ich hergekommen bin. Schon eine ordentliche Strecke denke ich mir. Die Aussicht ist jedenfalls klasse.

Und plötzlich Winter.
Und plötzlich Winter.

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Ein klein wenig ging es noch hoch. Und dort erstreckte sich das Grauen. Schnee soweit das Auge reichte. Ich lief quasi aus dem Sommer direkt in den Winter. Ein Schritt nach vorne, Winter. Ein Schritt zurück, Sommer. Aber ich will ja nach vorne. Also ein Schritt nach vorne in den Winter. Es ging also Mühsam durch den Schnee weiter. Es kamen mir zwei Wanderer entgegen. Der erste lief normal und gab auch ordentlich Tempo vor. Der zweite humpelte doch ordentlich und tat sich schwer das Tempo zu halten. Ich fragte ob alles ok ist. Der linke Knöchel tat ihm weh meinte er. Da ich Tape dabei hatte fragte ich noch ob ich wir den Knöchel tapen sollen. Er verneinte und meinte, dass schon alles inordnung ist und ging weiter. Auch für mich ging es weiter durch den Schnee. Und es war anstrengend, so richtig anstrengend. Nur mit kleinen Schritten kam ich vorwärts und sackte hier und da immer mal wieder etwas ein. Zudem flogen hier so viele Mücken herum wie ich sie bisher auf der gesamten Tour nicht gesehen hatte. Die Wolken wurden etwas dichter und es wurde frischer. Also Mütze auf, Jacke an und weiter gehts.

Da will man nicht rein.
Da will man nicht rein.

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Bis ich mit einem mal einsacke und mit dem linken Bein bis zum Oberschenkel im Schnee stecke und erstmal nicht mehr raus komme. Im ersten Moment erschreckt man sich ordentlich wenn der Boden auf einmal nachgibt. Ich der die ganze Zeit über den Schnee fluchte muss nun einfach anfangen zu lachen. Ich schnalle den Rucksack ab und kann mich aus dem eiskalten Schnee drücken. Doch es geht weiter. An vielen Stellen sieht man nun, dass ich nicht der Erste bin der hier im Schnee eingesackt ist. Und oft sieht der Schnee recht dünn aus, sodass ich öfters nicht den Wanderspuren folge sondern knapp daneben durch den tieferen Schnee laufe. Mir kommen zwei Russen entgegen, die wissen wollten wie lange sie denn noch durch den Schnee zu laufen hätten. Als ich ihnen sagte, so zwei Stunden sicherlich noch, schienen sie mir nicht gerade den glücklichsten Eindruck zu machen, was ich total verstehen konnte. Mir sagten sie hingegen, dass Leirvassbu nicht mehr weit entfernt ist und ich es bald geschafft hätte.

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Und tatsächlich Leirvassbu ist zu sehen. Meine Laune steigt wieder etwas. Das gibt nochmal so etwas wie einen Motivationsschub wenn man das Ziel vor Augen hat. Nach einigen weiteren Metern gibt der Schnee wieder nach und ich sacke wieder ein. Diesmal lache ich aber nicht. Ich haue mir mein linkes Schienbein ordentlich an einem unter dem Schnee versteckten Stein an. Was will man automatisch machen wenn man sich ordentlich das Schienbein anhaut? Man will es sich einfach nur halten und sich hin und her wälzen und vor Schmerz schreien. Ich war schon dabei mich zu wälzen, da überlegte ich es mir doch noch anders. Keine fünf Sekunden dauerte es und ich stand wieder. Der Schnee ist einfach zu kalt um sich in Selbstmitleid zu wälzen. 😉 Mein Schienbein war in den nächsten Tagen ordentlich grün und blau. Aber an diesem Tag tat es zu meinem Glück nicht allzu lange weh. Und mir wurde nun auch klar, wieso mir der humpelnde Wanderer entgegen kam. Bei etwas mehr Pech hätte ich vielleicht nun auch humpeln dürfen. Eine weitere halbe Stunde später erreiche ich Leirvassbu. Und erstmal stehe ich blöd da. Zelten ist in der näheren Umgebung ja verboten und der Schnee macht es auch nicht gerade möglich irgendwo sein Zelt aufzuschlagen. Der gesamte Leirvatnet war zugefroren und an dessen Ufer war auch keine Möglichkeit. Ich hatte nun zwei Möglichkeiten. In der Hütte zu schlafen oder noch ein Stück weiter zu gehen.

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Endlich steht das Zelt
Endlich steht das Zelt

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Eigentlich war ich für diesen Tag bedient, aber ich wollte nicht wirklich in der Hütte schlafen. Ich packe erstmal meine Karte aus und schaue wo denn vielleicht ein geeigneter Platz sein könnte. Ich entschied mich dazu mein Glück an den Hogvagltjonnen zu versuchen. Also ging es weiter auf dem Weg nach Gjendebu. Als wenn ich nicht schon genug davon gehabt hätte geht es auf Schnee steil den Berg hoch. Doch ich wollte es ja so. Über den Berg drüber ging es gleich wieder nach unten. Immer noch weit und breit kein geeigneter Zeltplatz. Nur an Bergflanken mit ordentlich Geröll darüber. Da schläft man besser nicht. Es geht weiter und mir kommt ein Norweger entgegen. Wir sind beide am fluchen, ich weil ich wieder mal einsacke und er, weil aufgrund des weichen Untergrunds sein Knie schmerzt. Er fragt mich wo ich her komme und entschuldigt sich schon fast für den vielen Schnee. Der Sommer will dieses Jahr einfach nicht in Schwung kommen, doch normal ist es hier richtig schön. Ich entgegne ihm, dass die Landschaft auch mit Schnee im Prinzip schön aussieht und durch den Schnee halt nur etwas anstrengender ist. Er war auf Gipfelbesteigung mit Sohn und Neffe die beide noch nach kämen. Klar, je älter der Norweger, desto schneller ist er unterwegs. Das glaubt man auch nur wenn man es selbst sieht. Wir verabschieden uns und so 10 Minuten später laufen die beiden dann auch an mir vorbei. Und endlich, nach einer weiteren halben Stunde finde ich endlich meinen Zeltplatz. Ich schnalle meinen Rucksack ab und setze mich auf einen Stein. Die Sonne kommt wieder etwas mehr zum Vorschein und wirft die umliegenden Berge mitsamt Schnee in ein tolles Licht. Ich hole natürlich meine Kamera raus und mache meine Fotos. Ein Wanderer in Gummistiefeln kam noch vorbei. Zumindest sahen sie aus wie Gummistiefel. Ich jedenfalls würde hier nicht mit Gummistiefeln laufen wollen. Ich baue mein Zelt auf und genieße mein Abendessen. Spaghetti Bolognese. Als Nachtisch eine Tafel Ritter Sport, die ich meiner Meinung nach verdient hatte. Und dazu einen schönen warmen Tee. Es war nun gegen 21 Uhr, doch draußen war es wieder richtig hell nachdem die Sonne herauskam. Irgendwann danach muss ich dann aber trotz der Helligkeit eingeschlafen sein.

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