Losgelaufen im Jotunheimen – 7

7.Tag

Nicht viel los

So gegen 23 Uhr wache ich schon wieder auf. Der Graupel prasselt ordentlich gegen mein Zelt. Da ich kein Thermometer bei mir habe ist das allerdings eine grobe Temperatur Angabe für mich. Bei dem Gedanken, dass es jetzt wahrscheinlich so um die null Grad hat verkrieche ich mich noch tiefer in meinen Schlafsack. Die Nacht über wache ich dann noch öfter auf und jedes mal grüßt mich der Graupel. Zusätzlich rauschte durch das Tal ein ordentlicher Wind. Da ich in all dem Schnee um mich herum gestern den erstbesten Platz genommen habe und ein wenig windgeschütztes Plätzchen hatte, schüttelte es mein Zelt auch ordentlich durch. Ich kann also von einem bestandenen Windkanaltest für mein Zelt sprechen. 2

Zweimal kamen in der Zeit Wanderer direkt am Weg neben meinem Zelt vorbei. Ob die viel Spaß hatten weiß ich nicht. Ich wollte auch nicht raus um zu fragen. Das ganze hielt bis 13 Uhr an. Schlagartig hören Wind und Graupel auf, sogar die Sonne kommt heraus. Zum ersten mal schaue ich dann auch aus meinem Zelt und sehe, dass die Wolken langsam aber sicher verschwinden.

Weiter gehts

Doch das aufraffen fällt mir schwer. Beim Gedanken an den Schnee steigt die Motivation auch nicht gerade ins unermessliche. Dass der Schnee nun sehr weich sein würde, da hatte ich in dem Moment noch nicht mal dran gedacht. Doch es nützt alles nichts. Je eher ich aufbreche, desto schneller habe ich den Schnee hinter mir. Während ich zusammenpacke laufen drei Wanderer an mir vorbei und gehen etwa zehn Meter weiter den kleinen Hügel hinunter Richtung Bach. Auf der anderen Seite haben sie hinter mehreren Felsen für sich einen Zeltplatz ausgemacht. „Oh den habe ich gestern garnicht gesehen“, denke ich mir. Da der Platz aber auf der Windzugewandten Seite ist, ist es für mich letztendlich nicht weiter schlimm ihn nicht gesehen zu haben. Ich hätte mich sonst wahrscheinlich ein ganzes Weilchen verflucht.

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Ich schultere meinen Rucksack und stapfe los. Nach nur wenigen Metern wartete der Schnee auf mich. Ein super weicher Schnee bei dem ich das Gefühl habe doppelt so tief, im Vergleich zu gestern, einzusacken. Die Wolken werden wieder grauer und hängen tiefer. Doch bis auf ein paar vereinzelte Tropfen hält es. Was das angeht bleibt mir mein Glück wenigstens hold. Von vergangenen Wanderungen bin ich das normalerweise ganz anders gewohnt. Der Wind nimmt auch wieder zu und dreht alle zehn Minuten. Mal ziehen die Wolken über die eine Gipfelkette nur um dann ein wenig später wieder zurückzukommen. Nur der Schnee zieht nicht davon, der bleibt leider liegen. Mühsam geht es am Nedre Hogvaltjonnen vorbei. Auch wenn es etwas Grau ist, die Landschaft entschädigt. Das sieht einfach klasse aus. Mit den Schneebedeckten Bergen um mich herum und wie die Wolken dicht über die Gipfel wabern.

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Gute Entscheidung

Etwas später taucht zu rechter Hand, nach der Wegkreuzung in Richtung Olavsbu, in einiger Entfernung eine Bootshütte am Anfang des Langvatnet auf. Die sah ich gestern schon auf meiner Karte. Da hatte ich auch noch überlegt bis dorthin zu laufen und in deren Nähe mein Zelt aufzuschlagen. Doch es war gut, dass ich mich für den erstbesten Platz entschieden hatte. Um die Hütte sah es von meiner Position so aus als ob sich dort ein kleines Eiland gebildet hatte. Die Hütte war umgeben von Wasser, Schnee und vermutlich nicht gerade festem Eis.

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Als ich ungefähr auf gleicher Höhe der Hütte war konnte ich zwar eine Stelle mit Geröll erkennen, an der man wohl irgendwie über das Wasser gekommen wäre, doch machte das von hier keinen sehr sicheren Eindruck. Zudem waren hier weit und breit keine weiteren Zeltmöglichkeiten. Wenn ich es dann nicht rüber geschafft hätte, dann hätte ich entweder zurück müssen oder so lange weiterlaufen müssen bis ich einen besseren Platz gefunden hätte. Doch das sind natürlich viele wenns und hätte.

Zum ersten mal etwas Nervenflattern

In der Folgezeit wurde zwar der Schnee weniger, doch dafür begrüßte mich der Matsch. Von den Hängen kam ordentlich Schmelzwasser herunter. Bei so einem Schmelzwasser Delta musste ich dann auch das erste mal ganz schön Nerven lassen. Da war so viel Wasser, dass ich schätzungsweise ca. zehn Meter vor mir hatte. Ich ging etwas den Hang hinauf und hinunter um nach einer Stelle für die Überquerung Ausschau zu halten, die mich vielleicht auf einfachem Weg auf die andere Seite bringt. Doch die niedrigste Stelle schätzte ich vielleicht noch bis zur Mitte meines Schienbeins. Da stand ich nun und sagte leise vor mich, „Nicht wirklich oder? Kann nicht euer Ernst sein“. Wen auch immer ich in dem Moment meinte. Vermutlich die Riesen, die hier ja heimisch sind. Zehn Minuten vergehen, in denen ich analysiere wie ich am ehesten auf der anderen Seite ankomme. Schuhe aus und durchwaten? Der Gedanke daran versetzt mich nicht gerade in Verzückung. Das Wasser ist eiskalt. Also gut, es geht von Stein zu Stein. Aber richtig langsam und vorsichtig. Die Steine sind verdammt rutschig. Wenn ich hier mit meinen vielleicht „nur noch“ 16 Kilo auf dem Rücken und 1,5 Kilo vor der Brust nur ein wenig aus dem Gleichgewicht komme, dann war es das. Zumal das Wasser kräftig fließt. Ein Glück habe ich meine Trekkingstöcke die mir Sicherheit geben. Ich habe zwar nicht auf die Uhr gesehen, aber gefühlt habe ich minimum fünfzehn Minuten gebraucht. Der Norweger hätte wahrscheinlich gelächelt und wäre Jesus gleich über das Wasser rüber. Auf der anderen Seite angekommen, setze ich erstmal meinen Rucksack ab und gönne mir zwei Müsliriegel und einen ordentlichen Schluck Wasser. Dabei schaue ich zurück über das Delta und bin schon irgendwie Stolz auf mich.

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Für die Sonnenbrille!

Doch es muss ja weiter gehen. Rucksack geschultert und weiter gehts. Nach zehn Minuten auf matschigen Wegen und einem kleineren Schneefeld kommt die Sonne etwas hervor. Instinktiv greife ich vorne an meine Kameratasche hin wo normalerweise meine Sonnenbrille wartet. Und ich greife ins Leere. Oh nein! Das letzte mal als ich die Brille bewusst sah war direkt nach dem Delta als ich bei meiner kleinen Pause die Brille auf einen Stein gelegt hatte. Was mach ich jetzt? Zurück laufen und den Weg bis zu meiner Pausenstelle absuchen oder weitergehen und auf die Sonnenbrille verzichten? Der Gedanke daran, dass die Sonne in den nächsten Tagen doch noch kräftig scheinen könnte treibt mich zurück. Mit zugekniffenen Augen zu wandern ist kein Spaß. Zehn Minuten klingen an sich auch nicht nach viel, doch hier macht der Weg die Musik. Und in den letzten Minuten mochte ich die Musik überhaupt nicht. Also zurück durch Matsch und Schnee nur um das ganze dann nochmal zu durchlaufen. Dafür war die Sonnenbrille tatsächlich auf dem Stein an der ich sie abgelegt hatte.

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Auf wiedersehen Schnee!

Nach einer halben Stunde Fußmarsch ging es zuerst steil hoch und dann auch gleich wieder steil runter. Und was sahen meine Augen da? Ein fast Schneefreies Tal. Noch einmal umdrehen zum Langvatnet und dem Schnee auf wiedersehen sagen. Dann geht es mit deutlich besserer Laune hinunter. Beeindruckende Wasserfälle rauschen hier die Hänge hinab. Die Kamera habe ich hier im Anschlag.

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Es geht zum See Hellertjonne an dessen Beginn mehrere Zelte stehen. So langsam dachte ich auch schon an meinen nächsten Zeltplatz. Das ganze sah jedoch recht belegt aus, sodass es für mich dann noch etwas weiterging. Der Hellertjonne fließt über den Hellerfossen Wasserfall ab, den man schon von weitem hören kann. Je näher man ihm kommt, desto lauter wird er auch. Beeindruckend mit welcher Geschwindigkeit das Wasser hier abfließt.

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Da stehe ich also nun direkt neben dem Abfluss und nehme erst jetzt die Aussicht ins Storadalen wahr. Gut es ist zwar etwas grau in grau durch die tiefen Wolken, aber hey. Dort unten ist weit und breit kein Schnee zu sehen. Ich gehe also recht freudig meines Weges weiter. Doch was passiert, wenn ich mich schon zu früh zu ausgelassen freue? Richtig! Ein Schneefeld. Ein steiles noch dazu, dass den Weg unter sich begraben hat. An den Spuren erkenne ich, dass hier schon der ein oder andere runtergerutscht sein musste. Die Alternative ist ein, wenn überhaupt, Fußschmaler Weg der am Rand der Felsen hier zu sehen war. Natürlich probiere ich erstmal diesen Weg. Doch ich gebe recht schnell auf. Mir ist die Gefahr zu groß unkontrolliert auf dem weichen Schnee abzurutschen. Dann doch schon lieber kontrolliertes runterrutschen. Auf dem Hintern gehts also ca. fünf Meter runter. Läuft prima denke ich mir noch. Bis mir der Schneefreie Erdboden bewusst wird an dem der Schnee ziemlich abrupt endet. Ok, also langsamer bitte…ähm…langsamer? In einer Blitzreaktion erinnere ich mich an meine Zeit als professioneller Tütenrutscher in meiner Kindheit an der Garage meiner Eltern. Zack die Füße hoch und den Hintern voraus. Hat prima geklappt.

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Eine letzte Brücke gilt es im Geröll zu überqueren. Links den Hang hoch ist ein orangenes Zelt zu erkennen, weiter unten ein grünes. Eventuell hat es da noch ein Plätzchen. Doch oberhalb des orangenen Zeltes sind viele größere Felsen. Das ganze ist mir zu unsicher. Ich marschiere weiter ins Tal hinab.

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Und man glaub es nicht, ein angenehmer Weg liegt zu meinen Füßen. Wenn auch nicht für sehr lange. Etwas später taucht eine Schutzhütte mit viel Platz drum herum auf. Felsen und natürliche Erderhebungen bieten einen guten Windschutz. Ausreichend Wasser in der Nähe. Für mich perfekt. Ich setze meinen Rucksack ab und fange an mein Zelt aufzubauen. Genau in dem Moment als ich das Außenzelt überwerfe fängt es an zu tropfen. Schnell alles festgezurrt und die Sachen inklusive mir im Zelt verstaut. Der Regen wird kräftiger. Mir aber egal, ich mache mir im Zelt erstmal mein Abendessen. Glück gehabt.

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