Losgelaufen im Jotunheimen – 8

8.Tag

Warmer Morgen

Das monotone prasseln des Regens auf meinem Zelt ließ mich irgendwann einschlafen. Als ich aufwache ist es im Vergleich zu den vergangenen Tagen unfassbar warm im Zelt. Ich schaue aus dem Zelt und sehe blauen Himmel und Sonnenschein. Im Vergleich zu gestern, als es hier im Storadalen noch grau in grau war, gefällt es mir heute ausgesprochen gut. Ich verlasse ziemlich schnell das Zelt um der angestauten Hitze zu entkommen. In Richtung Süden lassen sich die Knutsholstinden und Tjonnholstinden ausmachen. Schweift der Blick nach Norden sieht man den Hellerfossen, an dem ich gestern vorbeikam. Noch viel mehr hört man ihn als man ihn sieht.

1

2

Ich hab so meinen Spaß

Meine erste Amtshandlung ist erstmal Wasser aus dem nahen Fluss zu holen um die Waschprozedur hinter mich zu bringen. Wie immer ist das Wasser eiskalt, dafür bin ich putzmunter. Danach mache ich mir mein Müsli und setze mich auf einen der Schutzhütte nahegelegenen Felsen. Die ersten Wanderer sind natürlich auch schon unterwegs und gehen in einiger Entfernung auf dem Wanderweg in Richtung Hellerfossen. Ich weiß nicht wieso, aber es amüsiert mich zu sehen wie sich die Wanderer an dem steilen Schneefeld, an dem ich gestern runtergerutscht bin, abmühen. Zwei Wanderer haben einen Hund dabei, der seinen Rucksack wie es sich für einen anständigen Hund gehört selbst trägt. Als das „kleine Rudel“ am Schneefeld ankommt, ist der Hund in Null Komma nichts oben, seine beiden Zweibeiner brauchen schon deutlich länger. Einen weiteren Wanderer kann ich ausmachen, der das Schneefeld so wie ich gestern hinunter möchte. Ich vermutete stark, dass seine Schneebedingungen durch den Regen und die Sonne noch schwerer sind als meine. Sprich der Schnee deutlich weicher ist. An die 20 Minuten vergehen, in denen er versucht einen Weg zu finden. Mal klettert er etwas höher um dort einen Weg zu finden, geht vor und wieder zurück, rührt sich nicht und entscheidet sich soweit ich das an der Geschwindigkeit festmachen konnte für die selbe Art des Vorwärtskommen wie ich gestern.

Wandererlotto

Nicht allzu weit entfernt von der Schutzhütte führt ein steiler Weg der zur Memurutunga führt hinauf. Ein einzelner Wanderer müht sich den Weg hinauf. „Puh“ denke ich mir, das sieht anstrengend aus, zumal es ordentlich warm ist. Bisher kam ich nur selten dazu mich irgendwo hinzusetzen und die Aussicht zu genießen. Diesmal wollte ich die Chance nicht ungenutzt lassen. Schnell noch alle feuchten Sachen zum trocknen ausgelegt und dann zum Fluss hinunter. Dort setze ich mich auf ein erhöhtes Flussbett und schau dem wild fließenden Wasser zu und genieße die Aussicht allgemein.
3
4
5
6

Nur da sitzen und nichts tun. Ein mancher muss sowas lernen, ich zum Glück nicht. Mitlerweile ist es 13 Uhr. Gemächlich mache ich mich in Richtung Zelt auf. Etwas sollte ich heute dann doch noch vorwärts kommen. Aber eigentlich will ich noch garnicht zusammenpacken. Mir gefällt es hier einfach zu gut. Meine Sachen sind alle trocken und langsam wird alles verstaut. Zwei Möglichkeiten hatte ich von hier aus. Entweder über die Memurutunga ins Memurudalen oder über Gjendebu zum Buckelaegret und von dort schließlich ins Memurudalen. Da die Aussicht vom Buckelaegret insgeheim noch besser sein soll als auf dem Besseggen, auch wenn ich das eigentlich noch nicht beurteilen konnte, entschied ich mich gestern schon für die Variante, Gjendebu – Bukkelaegret – Memurudalen. Dort gibt es zwar Drahtseil gesicherte Passagen, aber durch meine Wanderungen in den Alpen sollte das ja kein Problem mehr sein.
7
8
9

Mein Weg führt mich zunächst also langsam talabwärts. Der Weg ist recht bescheiden. Ständig größere Steine und ein häufig überfluteter Weg. Da kam reichlich Wasser von den Bergen runter. Zusätzlich nahmen auch die Sträucher zu. Es wurde dichter und dichter. Und auch wärmer und wärmer. Schließlich war ich zum ersten Mal in Norwegen in einem kleinen Wald. Entlang des Weges trifft man auf die einheimischen Kühe die nur verdutzt gucken wenn sie einen sehen. Zu ihrem Vergnügen wahrscheinlich ist der Weg mit lauter großen Tretminen gepflastert. Während wir Zweibeiner Kuhlotto spielen und darauf wettet in welchem Feld die Kuh einen Kuhfladen platziert, glaube ich ja fest daran, dass die Kühe so etwas wie Wandererlotto spielen. Welcher Wanderer tritt zuerst in welche Tretmine? Falls jemand eine bessere Erklärung hat, her damit!
10
11
12
13

Wieder am Gjendesee

Nach ca. einer Stunde tauchen eingezäunte Grundstücke mit, nehme ich zumindest an, schönen Ferienhäusern auf. Auf einem der Grundstücke stand auch ein kleiner roter Traktor. Wobei ich mir bis heute noch nicht ganz im klaren darüber bin wie der dort hin kam. Auf einem Grundstück half ein kleiner Junge mit roten Bäckchen seinem, ich nehme es wieder nur an, Großvater fleißig beim Holzhacken. Vorbei an einem Schild, dass darauf hinweist wo und wie ich zu zelten habe, geht es nach Gjendebu. Zelten will ich hier ja sowieso nirgends, ich will ja heute noch ins Memurudalen.
14
15
16

Gjendebu ist eine kleine Touristenhütte, aber mit reichlich Zeltplätzen drum herum. Und zum ersten mal komme ich nach meinem Tourstart wieder am Gjendesee an. Eigentlich hätte ich hier schon mal in so eine Norwegische Wanderhütte schauen können, aber meine Gedanken sind in dem Moment auf dem Weg. Die Hütte lasse ich rechter Hand liegen. Es geht weiter an vielen Zeltplätzen vorbei in Richtung Bootsanleger von Gjendebu, wo in just dem Moment auch das letzte Boot des Tages anlegt und eine große Gruppe an Jugendlichen mitsamt Betreuern ablädt. Der Rundumblick hier ist überragend. Ich verabschiede mich jedoch still ins Uferdickicht von Gjendebu und marschiere weiter. Viele Steine, matschige Pfützen und rutschige Passagen bilden meinen Weg. Es geht immer leicht bergauf bergab voran. Zahlreiche Mücken sorgen dafür, dass ich garantiert nicht stehen bleibe. Bis zu einer Stelle an der es verdammt Steil wird.
17
18

Safety first!

Meine Blicke folgen dem Weg. Und wieder einmal denke ich mir „ach du scheiße“. Ein Weg voll mit Schutt auf dem es wirklich mühsam voran geht. Immer wieder rutsche ich etwas. Als ich etwas an Höhe gewonnen habe lasse ich zum ersten Mal meinen Blick zurück schweifen. „Holla die Waldfee“! Der Blick zurück ließ schon mal erahnen welchen Ausblick man von oben über den Gjendesee haben muss. Es geht weiter. Bis zur ersten Drahtseil versicherten Stelle … bitte was? Drahtseil? Während man als Wanderer aus dem DAV/ÖAV Raum bei Drahtseil versicherter Stelle an eine Passage mit Drahtseil und Sicherungsanker denkt (und in der Regel nicht mal braucht), findet man in diesem kleinen Teil Norwegens zumindest eine Stahlkette vor die irgendwo oben befestigt ist aber ansonsten nur lose herunterbaumelt. Im Fels selber hat es zum Teil nur zwei fingerbreite Absätze auf die man seine Füße mitsamt wuchtigen Wanderstiefeln setzen kann. Na gut, dann versuche ich mal mich die ca. zwei Meter da hoch zu ziehen. Und tatsächlich, ich schaffe es. Erstmal verschnaufen. Das strengt doch ordentlich an. Es geht weiter steil hoch und der Weg wird schmaler. Bis dann die nächste Drahtseil versicherte Stelle auftaucht. Da stehe ich also nun vor einer nahezu glatten Steinwand, die deutlich höher als die von gerade eben ist und an der Wasser herunterrinnt. „Ok wo ist die versteckte Kamera“, murmel ich vor mich in. Ich entschließe mich dazu es anzugehen. Mit einem Fuß versuche ich irgendwie in so eine kleine Felsspalte zu kommen und mich dann hochzuziehen. Den ersten halben Meter bringe ich hinter mich. Doch dann keine Chance mehr. Dem Braten traue ich nicht. Die 15 kg auf meinem Rücken und die Kameratasche vorne behindern meinen Aufstieg einfach zu sehr. Im Fall des Falles bringt mir diese Stahlkette nichts. Wenn ich abrutsche rutsche ich ab. Da ist nichts mehr mit festhalten. Also abbruch und zurück, da komme ich nicht hoch. Den halben Meter wieder herunterzukommen und dann noch die Wand von eben, wahrlich auch schon wieder eine kleine Herausforderung. Hinauf ist doch leichter als hinunter. Es geht also die geschafften ca. 200 Höhenmeter wieder runter. Ich kann euch sagen, sowas nervt richtig. Aber safety first. Ist mir etwas zu unsicher, dann mache ich es nicht. In solchen Momenten drehe ich dann lieber um. Mein Kopf sagt zwar, da oben ist da Ziel da musst du hin, doch mein Bauch ist dann anderer Meinung. Und auf den höre ich in solchen Momenten.
19
20

Über Stock und Stein und durch Mückenschwärme geht es also wieder in Richtung Gjendebu. Hinter bzw. jetzt wieder vor Gjendebu und noch vor dem Bootsanleger sah ich noch weitere Zeltmöglichkeiten. Eine davon, mit toller Aussicht in Richtung Memurubu, sollte dann mein Platz für die kommende Nacht werden. Der Weg in Richtung Bukkelgraet war für mich doch richtig anstrengend. Zum ersten mal macht sich leichter Zweifel bei mir breit, ob ich noch genug Power für den Aufstieg zum Besseggen habe. Immerhin geht es dort ja auch 700 Höhenmeter hinauf und dann wieder hinunter.

Ich baue mein Zelt auf und gehe etwas später noch zum Bootssteg und studiere den Fahrplan.
Das erste Boot geht um 7:30 Uhr. Das ist ja mal richtig früh. Das nächste Boot dann um 10:30 Uhr. Und das letzte um 15:30 Uhr. Für den nächsten Tag beschließe ich, allenfalls nach Memurubu mit dem Boot zu fahren und mir im Memurudalen dann einen schönen Platz zu suchen.

0

2 comments

  1. Hallo Thomas,
    Großen Respekt! Ich habe selten einen Outdoorblog gesehen, der mit solch perfekten Fotografien angereichert ist – man kann sich gar nicht satt sehen 🙂

    Vielen Dank für das Veröffentlichen!

    Beste Grüße
    Jannik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.