Kategorie: Jotunheimen

Es geht doch noch los

Losgelaufen im Jotunheimen – 2

Früh geht es los … oder auch nicht

So gegen 5:30 Uhr werde ich wach. Es regnet und der starke Wind der vom Besseggen her weht drückt die Zeltwand ziemlich ein. Da am Vorabend der Wind noch aus einer anderen Richtung wehte, habe ich mein Zelt mit der Breitseite zum Besseggen hin aufgestellt. In den kommenden Tagen lerne ich noch zur Genüge, dass der Wind hier im Nationalpark häufig dreht und man sich am besten einigermaßen Windgeschützte Orte suchen sollte, wenn sie denn vorhanden sind. Da es nicht den Anschein macht, dass der Regen allzu schnell aufhören würde, wälze ich mich nochmal in meinen Schlafsack und wache ungefähr zwei Stunden später wieder auf.

Es regnet immer noch wie aus kübeln und auch der Wind hat nicht nachgelassen. Meine vier Nachbarn die am gestrigen Abend etwas Abseits von mir noch ihre Zelte aufgeschlagen haben sind auch noch da. Genau wie ich haben sie nicht wirklich Lust bei dem Wetter die Zelte abzubauen und loszumaschieren. Ich entscheide mich erstmal dazu etwas zu frühstücken. Die vorbereiteten 100g Müsli mitsamt Milchpulver kommen in die Schüssel, etwas Wasser dazu und … ja schmeckt eigentlich ganz gut. Immerhin hatte ich bis hier hin noch nie Milchpulver probiert. Da bei einer solchen Tour Milch mitzunehmen sich als etwas schwierig gestaltet blieb mir auch nichts anderes übrig. Da ich nicht wirklich jemand bin der sonst frühstückt, bin ich relativ schnell satt. Ich drück das Müsli aber natürlich runter. In den nächsten Tagen kann ich schließlich alle Kalorien die ich kriegen kann gut gebrauchen. Und vielleicht kann ich ja heute noch los, wenn es denn mal aufhört mit regnen. Ich vertreibe mir die Zeit mit dem MP3 Player und dem studieren der beiden Landkarten. Eine für West Jotunheimen und eine für Ost Jotunheimen. Es wird 12 Uhr und es regnet immer noch. Na super denke ich mir. Der erste richtige Tag im Jotunheimen Nationalpark und ich verbrauche einen meiner Backup Tage. Ich halte einen kurzen Mittagsschlaf und wache so gegen 13:30 Uhr wieder auf. Ab da legt sowohl der Regen als auch der Wind immer längere Pausen ein. Um 14 Uhr bemerken meine Nachbarn es als erstes und fangen an zu packen. Dabei fliegt ein Außenzelt fast davon. Da ich gedanklich schon voll darauf eingestellt war den ganzen Tag hier zu bleiben bin ich etwas träge. Ich brauche ein paar Minuten länger bis ich meinen ganzen Kram im Zelt in den Rucksack gepackt habe und schließlich auch das Zelt verlasse. Meine Nachbarn sind da schon weg. Der Regen hat nun komplett aufgehört. Nur der Wind schickt noch seine Böen her. Der Vorteil dabei ist, die Mücken trauen sich nicht raus. Der Nachteil ist, dass der Wind echt bitterkalt ist. Ohne Mütze und Handschuhe geht da erstmal nichts. Ich baue Stück für Stück mein Zelt ab und passe wie ein Luchs auf, dass mir von meinem Zelt nichts davon fliegt. Dann werden am Bessvatnet Abfluss die Wasservorräte aufgefüllt und am Rucksack verstaut. Von der Ferne sehe ich zwei Wanderer kommen, die einen relativ großen Eindruck machen. Als sie näher kommen sehe ich auch wieso. Deren Rucksack kam mir ungefähr doppelt so groß vor wie meiner. Etwas staunend stand ich sicherlich da. Da hatte jeder mit Sicherheit 25kg plus auf dem Rücken. Und die beiden sollten dann auch erstmal die letzten gewesen sein, die ich in den nächsten fast zwei Tagen zu sehen bekommen sollte.

Es geht doch noch los
Es geht doch noch los. Die T Zeichen weisen mir den Weg

Zwar spät, aber es geht noch los.

Ich schultere meinen Rucksack und los gehts. Ursprünglich wäre meine heutige Etappe heute früh nach Glitterheim gegangen. Da es nun aber bereits 15 Uhr ist entscheide ich mich dazu bis zum Bessvatnet zu laufen und mir dort am See den nächsten Schafplatz zu suchen. So ein See direkt vor der „Bude“ hat ja auch was denke ich mir. Der Weg verläuft eine Weile relativ eben auf normalem Weg.

Weiter oder zurück?
Hier könnte ich mich noch recht einfach dafür entscheiden zurück zu gehen. Aber nix da!

In östlicher Richtung begrenzt der Bessheimrundhoe die Sicht und in westlicher Richtung kann man ins Sjodalen sehen und auch den Sjodalsvatnet kann man ausmachen. Nach einigen Metern komme ich am kleinen See Besstjonin vorbei. Dort hätte es auch gute Zeltplätze gegeben die durch die Landschaft auch wesentlich Windgeschützter gewesen wären. Die Wolkendecke ist noch ziemlich zu und der Wind geht auch noch seiner Arbeit nach. Doch je mehr ich an die nordöstliche Flanke der Bessheimrundhoe komme, desto öfter bricht der Wind ab. Dafür kommen die Mücken heraus. Alles hat hier sein Für und Wider.

Windschutz
Er stellt so etwas wie meinen natürlichen Windschutz dar.

Der Weg geht gemächlich bergab. Ein paar Stellen gibt es, die etwas steiler sind und über rutschige Steine führen. Da es die Nacht und den halben Tag durch geregnet hat, haben die Bäche und Rinnsale einen ordentlichen Wasserzulauf bekommen. Und da die Wanderwege auch für das Wasser die ideal vorbereiteten Wege zu sein scheinen, darf ich ab einem gewissen Zeitpunkt durch einen Wasserwanderweg laufen. Mal hat es mehr, mal weniger Wasser.

Wasser hat es am heutigen Tag genug
Wasser hat es am heutigen Tag genug

An einem meiner ersten Altschneefelder komme ich auch vorbei. Ein relativ kleines. Spuren sind von anderen Wanderern schon im Schnee platziert. Also gut denke ich mir, gehe ich den selben Weg. Gerade als ich den letzten größeren Schritt aus dem Altschneefeld heraus machen will, gibt der Boden nach. Ich fall zwar nicht um, aber es geht ungefähr eine halbe Beinlänge nach unten. Im ersten Moment erschreckt man sich da natürlich. Als ich mich dann umsehe wird es mir aber erst komisch. Ich bin nur um Fußbreite einem blöden Spalt zweier großen Steine davon gekommen. Ich will garnicht wissen, was passiert wäre wenn ich genau in den Spalt abgesackt wäre. Von hier an stellt sich bei mir große Vorsicht und Respekt vor diesen Altschneefeldern ein. Gut auch so etwas wie Hass. Und das alles zu recht wie sich später auf meiner Tour noch herausstellen sollte.

Die Aussicht!! Die Aussicht!!

Was mir an diesem Tag etwas seltsam vorkommt, ist dass mir das Gewicht meines Rucksacks so gut wie nichts ausmacht. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass der erste Tag eben aufgrund des Gewichts meines Rucksacks anstrengend wird. Aber alles bestens. Das wiederum bringt natürlich gute Laune.

Ich muss immer mal wieder stehen bleiben und trotz der Wolken die Aussicht genießen. Hier bekomme ich das erste mal einen Eindruck der Weite. Als ich dann an die Nordflanke des Bessheimrundhoe komme kann ich das erste mal den Russvatnet Abfluss und Russvasbue erkennen. Je näher ich komme, desto besser auch die dazugehörige Hängebrücke über die ich noch muss.

 

Die Aussicht gefällt mir trotz Bewölkung schon sehr gut
Die Aussicht gefällt mir trotz Bewölkung schon sehr gut

Vor der Brücke hat sich ein natürlicher Damm oder eine Landzunge gebildet. Von dort habe ich einen herrlichen Ausblick über den Russvatnet. Hier entscheide ich mich erstmal zu einer kleinen Pause. Auch kommt das erste mal so richtig die Sonne zum Vorschein. Perfektes Timing denke ich mir. Ich gönne mir den ein oder anderen Müsliriegel und verbringe die Zeit auch ein wenig mit fotografieren.

Russvatnet
Toller Blick über den See
Selfie
Von sich muss man natürlich auch mal Bilder machen, auch wenn es mit dem Selbstauslöser am Anfang noch nicht so klappt.

Als es dann weiter geht steht natürlich der Weg über die Hängebrücke an. Der erste Schritt ist natürlich etwas vorsichtiger, immerhin ist es eine leicht wackelige Angelegenheit. Und die vielen Kilos auf dem Rücken nehmen nur zu gerne jeden Schwenker auf. Auf der anderen Seite angekommen jubel ich in mich hinein. Jawoll meine erste Hängebrücke heil überstanden, gleich mal ein Foto machen.

Die Hängebrücke
Nur im ersten Moment ist es etwas komisch.

Mit der Variante safety first fahre ich ganz gut

Quasi direkt hinter der Brücke direkt neben den Fischerhäuschen Russvasbue, die in Privatbesitz sind und heute anscheinend leer, muss man sich für einen Weg entscheiden. Der normale immer ausgezeichnete Weg nach Glitterheim entlang des Russvatnet oder der nicht mehr überall ausgezeichnete Weg nach Glitterheim den Berg hoch.

Fischerhäuschen
Die Fischerhäuschen am Russvatnet

Ich entscheide mich natürlich für den ersten. Zumal der Weg über den Nautgardstinden die längste Zeit wohl über Geröll führt. Dazu Altschneefelder und keine T-Zeichen oder Steinmänner. Das alles in Kombination macht es für mich heute wenig attraktiv. Also gehe ich den Uferweg des Bessvatnet entlang der sehr Fischreich und in privatbesitz ist. Für mich die absolut richtige Entscheidung, da die Aussicht grandios ist. Hier treffe ich auch zum ersten mal auf kleine Tretminen auf dem Weg. Die Wanderwege sind einfach ein unwiderstehlicher Anziehungspunkt für Wasser und für Tretminen sämtlicher Tiere. In diesem Fall sind es Schafe, die ich zwar nicht sehen, aber dafür durch ihre Glöckchen um den Hals hören kann.

Zeltplatz
Hier kann man schon mal für eine Nacht bleiben.

Ich mache mich daran am Uferweg nach einem geeigneten Zeltplatz Ausschau zu halten. Sollte ja nicht so schwer sein, da es in Richtung Ufernähe meistens flacher wird. Nicht so hier. Zuerst war ich noch dazu geneigt wieder über die Hängebrücke zurück auf die andere Seite zu gehen, da es von meiner Seite so aussah als ob es dort flach wäre. Jedoch fand ich dann doch noch ein kleines Fleckchen für mein Zelt. Zwar minimal schräg, aber vertretbar da ich im Zelt nicht gerutscht bin. Nachdem ich mein Zelt aufgebaut hatte habe ich meine Nachbarn, die Möwen, noch kurz gegrüßt. Dann zog aber auch schon die Wolkendecke wieder zu. Also schnell zum Bach in der Nähe den Wasservorrat für die Nacht aufgestockt. Im Zelt war dann nur noch essen und Tee kochen angesagt. Dann wurde es plötzlich etwas frisch um die Nase. Ich schaue aus dem Zelt und sehe wie Nebel über den See zieht. War zwar kalt aber sah immerhin toll aus.

Nebel
Nebel zieht den See hoch

Ich verkroch mich in meinen Schlafsack und schlief dann auch relativ schnell ein. Ich war froh, dass ich nach dem verregneten Start wenigstens noch einen halben Tag marschieren konnte. Am nächsten Tag wollte ich wenn das Wetter mitspielt aber früher los.

Der Gjende

Losgelaufen im Jotunheimen – 1

Anreise in den Jotunheimen Nationalpark

Um 3:50 Uhr morgens klingelt der Wecker. Um 4:43 Uhr soll mich der Bus zum Flughafen bringen und wenn alles nach Plan läuft sitze ich um 6:35 Uhr im Flieger von Stuttgart nach Frankfurt. Natürlich fährt mir der Bus vor der Nase weg da ich nicht gleich aus dem Bett gekommen bin. Das erste Durchschnaufen. Aber ich habe ja noch ein Backup. Read more